Juni 1, 2012 | Artikel

Schwarzblockphilosophie

Ja. Ich gebe es zu: Ganz kurz konnte ich mir in der letzten Woche ein hämisches, schadenfrohes Grinsen nicht verkneifen, als unser Vorstand in der Dienstberatung verzweifelt nach seinem Android-Handy suchte. Fuhr uns doch jedes Mal der Schreck in die Glieder, wenn er seine auf dem Telefon gespeicherten Anmerkungen zur Agenda auch nur aufrief. Nun war es also weg. „Vielleicht haben Sie es ja lediglich zu Hause vergessen“, startete unser Vertriebsleiter einen unterwürfigen Rettungsversuch. Nein, das sei unmöglich, noch heute Vormittag habe er im Auto seine E-Mails und Termine gecheckt und die Fotos von der letzten Party betrachtet. Gejammer und Wut verschmolzen zu innerer Verzweiflung. Jetzt begann er mir etwas leid zu tun.

Doch nur kurz, ehe ich erschrak: Firmeninternas, Schriftverkehr, Kundendaten aus dem Outlook-Abgleich, weiter wollte ich gar nicht denken. Für die Sicherheit dieser Daten machte er mich erst in der Vorwoche in einem 4-Augen-Gespräch verantwortlich. Policies und Restriktionen seien mein Bier und mit harter Hand solle ich durchgreifen, wenn jemand mit seinem Arbeitsplatzrechner die falschen Seiten ansurft. Schließlich hätten wir nichts zu verschenken, keine teuer akquirierten Kontaktdaten, kein Firmen-Know-How und die Hacker der Mitbewerber schliefen nie! Im gleichen Atemzug schwadronierte er: „Gerald, wir müssen trotzdem mit der Zeit gehen. Vor der Zukunft die Augen zu verschließen, kann nicht der Weg zu neuer Sicherheit sein. ‚Bring your own device‘ sei das Gebot der Stunde. (In Security-Fachkreisen auch ‚Bring dein’n eignen Scheiß‘ genannt.) Diese wegweisende Idee gäbe den Mitarbeitern mehr Freiheit und mehr Kreativität, sagte er und meinte aber wirklich: Wenn jeder sein privates Handy oder Tablet zur Arbeit benutzt, sparen wir die Anschaffungs- und Haltungskosten. Zumindest das Budget für eine Security-Lösung für mobile Geräte für alle Mitarbeiter ließ er sich widerwillig abringen.

Und nun, während er fluchend spekulierte, wo sein Telefon tatsächlich abhandengekommen sei, schlug meine große Stunde: „Ihr Handy ist gerade kurz vor Passau. Vielleicht sollten wir es zunächst einmal remote sperren?“, warf ich ein. „Was macht mein Telefon in Passau? Sperren? Ja, ja, natürlich sperren!“, versuchte er die Fassung zu bewahren. „Und falls es die Route nach Slowenien nimmt, sollten wir alle Daten löschen, denn dann ist es vermutlich gestohlen.“ Triumphierend hielt ich mein (Firmen-)Handy hoch. „Eine SMS genügt.“ Mein Lächeln konnte charmanter nicht sein. Hatte er bis jetzt geglaubt, für den Schutz vor Viren und Trojanern auf dem vermeintlich ungefährdeten Handy zu sorgen, sei rausgeschmissenes Geld, durchhuschte ihn ein Hauch der Erleichterung. Jetzt die Woge der Verblüffung bloß zu Ende reiten, dachte ich, und setzte noch eins drauf: „Zumindest ist Ihre SIM-Karte noch drin!“ „Worauf warten Sie? Machen Sie es platt!“, überkam es ihn spontan. „Senden…, und schon ist es passiert!“, meldete ich in Befehlsempfängermanier Vollzug.

Heute war wieder Sitzung. Unser Vorstand servierte mir lächelnd einen Kaffee. Auf seinem Platz lag ein nagelneuer Tablet-PC. Jungfräulich und schutzbedürftig.