16. Dezember, 2011 | Jena | Artikel

Interview mit einem Bundestrojaner

„Hilf mir, ich werde gemobbt!“. Irritiert blicke ich im Büro umher. Niemand zu sehen. Höre ich schon Stimmen? Oder hat der Koch die falschen Pilze in die Jägersoße gerührt? „Du ignorierst mich also auch“, weint die unbekannte Stimme weiter. Da fällt mein Blick auf das Mousepad. Ein Häufchen Elend von Nullen und Einsen krümmt sich voller Schmerzen. „Wer bist Du denn?“ frage ich das Etwas. „Ich bin der Bundestrojaner. Und weiß einfach nicht mehr weiter“.

Ich schlucke. Wo kommt der denn her? Habe ich eine „Backdoor“ offen gelassen? Hihihi, gutes Wortspiel. „ Was kann ich für Dich tun?“ flüstere ich konspirativ in bester James-Bond-Manier. „Bring mich nach China. Sofort.“ Na klar, hab ja auch sonst nichts Besseres vor. „Im ernst, ich muss hier weg. Keiner mag mich, keiner will mich und ständig diese Lügen über mich.“ Ich schüttel´ verständnislos den Kopf. „Es fing schon vor meiner Geburt an. Ich sollte schon abgetrieben werden, bevor ich im BKA überhaupt zur Welt kam. Datenschützer hatten Angst vor mir. Ich könnte private Geheimnisse ausplaudern. Pah! Dazu braucht man mich doch nicht, dafür gibt es doch Facebook und die anderen Exhibitionisten-Plattformen. Da schreibt doch jeder rein, was die anderen nicht wissen wollen. Und stellt Bilder hoch, die keiner sehen will. Geheimnisse? Gibt es doch nur noch in Frau Merkels Handtasche.“

Ertappt. Auch ich poste permanent mein Leben auf Facebook. Hoffentlich sieht das nicht die CIA. Oder das FBI. Oder CSI. Oder wie die Brüder da drüber auch heißen. Blöde Abkürzungen. „Irgendwie haben es meine Eltern in Berlin dann doch hingebogen. Ich wurde in Hessen ausgebrütet, weit weg von meiner Familie. Mit ein paar E-Mail-Würmern und einem SPAM-Bot bin ich aufgewachsen. Quasi alleine, ohne Internet. Und nun werfen mir PC-Chaoten vor, ich wäre dilettantisch erzeugt.“ Ich stutze. „Bist Du das denn nicht? Du bist leicht zu knacken und eine feste IP-Adresse in den USA… naja, nicht so clever…“.

„Kapierst Du das wirklich nicht? Mein digitales Kfz-Zeichen soll die Schuld doch auf die Amis lenken, wenn alles schief läuft. Und natürlich will ich geknackt werden! Dann werden Kriminelle von anderen Gangstern über den Tisch gezogen. Ich habe meine Infos und den Rest erledigen die selbst. Problem gelöst.“ So habe ich das noch gar nicht gesehen. Aber jetzt packe ich ihn: „Aber Du machst doch mehr als nur Gespräche abhören, Du illegaler PC-Zombi.“ Trojani, so nenne ich ihn ab sofort, lacht laut los. „Erde an Schlaumeier, hören Sie mich? Natürlich tue ich das, sonst wäre ich doch kein Trojaner! Selbstverständlich lade ich weitere Sachen nach – man weiß ja nie was kommt! Und illegal, wer sagt das denn. Wenn die Bin-Trojans, die Botskis oder die Viro-Tse-Tungs das Bundeskanzleramt digital leersaugen, regt sich doch auch keiner auf. Kann also nicht so verboten sein.“

Mir wird schwindelig. Kann dieser kleine Möchte-gern Recht haben? „Und überhaupt, wie kommst Du eigentlich an Virenscannern vorbei?“. Trojani verdreht die Bytes, als hätte ich ihm ein Bit gebrochen. „Virenscanner haben doch keine Chance. Von uns gibt es nur ein paar Exemplare. Und finden kann uns auch keiner, weil niemand uns je gesehen hat. Wie sollen die Virenjäger denn wissen, wonach sie suchen sollen?“ Touché. So viel zu meinem Testsieger mit 99,9% Erkennungsrate. Klappt ja super.

„OK, ich helfe Dir. Aber ich will Dich dann nie wieder sehen, Trojani“. Dieser nickt. „Ist ganz einfach. Schick einfach eine E-Mail mit mir als Anhang an das Weiße Haus oder an ein Dax-Unternehmen. Die fangen meine Kumpels aus Fernost sowieso alle ab. Zum Glück ist der slowakische Virenscanner mit Advanced Heuristics dort nicht am Werk. Und Danke!“. Sekunden später ist er weg. Irgendwie habe ich den kleinen Kerl liebgewonnen.

Schweißgebadet schrecke ich hoch. Ich sitze aufrecht in meinem Bett, meine Hände zittern und der Blick sucht das Notebook. Alles sieht normal aus. Puh, ich habe zum Glück nur schlecht geträumt. Aber wieso blinkt das rote Licht der Webcam …