October 6, 2012 | Jena | News

Lieber deins als meins

Revolution! Da wagen es doch Mitarbeiter, ihre privaten Smartphones und USB-Sticks im Büro einzusetzen („Bring your own device“)! Da ist zu gefährlich, sagen manche Admins. Das ist klasse, sagt Micha. Und nimmt das Thema mal richtig auf´s Korn.

„Du spinnst.“ Kopfschüttelnd drehte sich Werner von mir ab. Der Herr IT-Leiter war mit der Einstellung von Lars so gar nicht einverstanden. Ich finde meinen neuen Marketing-Mitarbeiter jedoch super. Seine Haare sind nicht nach hinten gegelt, er fährt einen alten Golf und hat es im Studium auch mal krachen lassen. Und vor allem: Er besitzt ein Smartphone. Genau, ich rede von den kleinen Alleskönnern, mit denen man sogar telefonieren kann. Und exakt das war der Stein des Anstoßes unseres Streits.

Bring your own deviceBeim Thema „Bring your own device“ (BYOD) verschlechterte sich Werners Laune noch schneller als die olympischen Medaillenhoffnungen der deutschen Schwimmer platzten. Prinzipiell fand er die iPhones und Samsungs schon immer sensationell; aber bitte nicht in „seinem“ Netzwerk. Was kann da nicht alles passieren! Virenbefall, Hackerangriffe, Datenverlust, Spionage, Verkauf von Insiderinformationen, Datenmanipulation usw. - die apokalyptischen Reiter erscheinen dagegen so gefährlich wie der Wiener Sängerknabenchor.

Natürlich hat mein „Bitschubser“ recht. Wenn Mitarbeiter ihre privaten Geräte dienstlich nutzen, bringt das auch Gefahren mit sich. Aber ungewöhnlich ist das beileibe nicht. Friseure nutzen seit Jahrhunderten nur ihre eigenen Scheren, Handwerker gehen mit ihren Werkzeugen auf die Walz und selbst Ronaldo setzt ausschließlich seine eigenen Fußballschuhe ein. Ich habe bislang von keinem Sicherheitsmanager gehört, der diesen Berufsgruppen die Werkzeuge verweigert.

Sorry, Werner, aber der Fortschritt lässt sich nun mal nicht aufhalten. Und dem kann sich die IT-Abteilung nicht entziehen. Die Zeiten sind vorbei, wo man sich mit einer Tasse Kaffee an das Windows-Terminal setzte und darauf wartete, dass ein Mitarbeiter sein Passwort vergessen hat. Die neuen Smartphones, Tablets, Ultrabooks und Internet-Armbanduhren gehören nun einmal zum Leben der heranwachsenden Generation - und darauf muss die IT entsprechend reagieren. Auf geht´s! Wir brauchen neue Sicherheitsrichtlinien und Antiviren-Lösungen ebenso wie eine perfekte Absicherung des Netzwerks.

Für mich als Unternehmer ist BYOD eine Chance zum Umdenken und Profitieren: vorbei der Ärger mit Firmen-Handys, deren Vertrags-Labyrinth und dem Neid der Nicht-Firmen-Telefonierer. Warum Tablets und Notebooks teuer anschaffen, wenn die Mitarbeiter lieber mit ihren eigenen Geräten arbeiten wollen? Und damit auch noch bessere Resultate erzielen! Idealerweise bringen sie auch noch Schreibtisch und Stühle mit. Dann dürfte der Ergonomie genug Rechnung getragen sein. Und vor allem muss ich sie nicht bezahlen.

Aber Spaß beiseite: Wir Unternehmer sind aufgerufen, die Ausstattung unserer Büros zu überdenken. Unsere Aufgabe ist vielleicht weniger die Anschaffung der Geräte, als vielmehr die sichere und gewinnbringende Integration der privaten Mitbringsel in das Netzwerk zu ermöglichen. Dienstliche Handys und PCs gelten schon lange nicht mehr als Statussymbole eines erfolgreichen Mitarbeiters. Zuweilen besitzen die Angestellten privat ein besseres Equipment und sind am Arbeitsplatz dann sichtlich enttäuscht. Warum soll ich Ihnen also etwas liefern, wenn sie es halbherzig und lieber für private Gespräche, Surfen und verbotene Schmutzfilmchen auf Youtube nutzen. Das ist ebenso sinnfrei wie das fehlende Anti-Korruptions-Gesetz für Politiker.

Fachkräfte fehlen an allen Ecken und Enden. Mit althergebrachten Methoden wie eigenem Schreibtisch, Weihnachtsgeld und kostenlosem Kaffee gewinnt man keinen Blumentopf mehr. Oder eben eine/n Fachmann/Fachfrau. Google und Facebook machen es besser. Ihre Büros gleichen eher einem Wohnheim als einer Amtsstube im Firmen-CI, wo man kreativ im gemütlichen Ambiente sein Bestes für die Firma gibt. Wenn der iPod, das Meerschweinchen oder das Taschenbillard die Arbeitsleistung fördert - warum soll man für die Beibehaltung alter Zöpfe wertvolles Potenzial brach liegenlassen?

Ich gehe diesen neuen Weg und Lars dankt es mir. Und selbst Werner rennt neuerdings glücklich mit seinem neuen iPad durch das Firmen-Etablissement. Der Grund ist einfach: Zu Lars Welt gehören auch die sozialen Netzwerke per Smartphone. Und dort wurde er ein echter Star - im Studium hatte man ja Zeit. Und nun kaufen seine vielen Follower unsere Produkte wie geschnitten Brot und empfehlen es gerne weiter. Von dem Gewinn kauften wir meinem IT-Genie ein fettes Tablet und eine Kaffeemaschine, die über das Internet bedient werden kann. So zaubert man sogar hartgesottenen Tekkies ein Lächeln ins Gesicht.